Gefahrgutunfall im Landkreis Bayreuth - BAB 9 - Höhe Trockau

13.09.2005

Zu einem besonders schwierigen Einsatz ist es in der Nacht zum Dienstag, 13.09.05, für die Freiwilligen Feuerwehren des Landkreises Bayreuth gekommen. Nach einem zunächst harmlos erscheinenden LKW-Unfall um ca. 1 Uhr auf der BAB 9 zwischen Pegnitz und Trockau versorgte zunächst der Rettungsdienst des BRK den nur leicht verletzten 48-jährigen LKW-Fahrer aus Brandenburg und brachte ihn in ein nahegelegenes Krankenhaus.

Nach kurzer Zeit jedoch wurde von der ebenfalls alarmierten Polizei festgestellt, dass es sich bei dem verunglückten LKW um einen Gefahrguttransport handelte und dieser eine Leckage erlitten hat. Die Feuerwehreinsatzzentrale der ständigen Wache Bayreuth alarmierte hierfür nach Alarmstufe 7 im Landkreis Bayreuth.

Die Maschinerie eines über 12 Stunden andauernden Einsatzes von Feuerwehr, Technischen Hilfswerk (THW ), Bayerischen Roten Kreuz ( BRK ) und Polizei lief unverzüglich an.
Besonders schwierig gestaltete sich für die Helfer die Gefahreneinstufung, da zunächst eine eindeutige Festlegung der geladenen Stoffe nicht möglich war. Es handelte sich bei den transportierten Gefahrgütern um eine sog. Stoffgruppe. Die Stoffnummer (früher UN-Nummer) ergab nach telefonischer Auskunft und lokaler Datenbankrecherche eine Gruppe von Stoffen als Überbegriff für ähnliche, aber nicht identisch reagierende Stoffe mit der Gefahrennummer 88.
Da aufgrund dieser Problematik keine Klassifzierung der Beständigkeit für die im Landkreis dezentral nach geographischer Zuständigkeit (bei verschiednen Feuerwehren) vorgehaltenen Chemiekalienschutzanzüge (CSA) durchgeführt werden konnte (Beständigkeitsliste) musste eine Bergung des Ladegutes unter CSA in der ersten Phase ausgesetzt werden um die ehrenamtlichen Helfer der Feuerwehren aus dem Landkreis Bayreuth keinem unkalkulierbaren und evtl. mit den Mitteln vor Ort nicht mehr beherrschbaren Gefahren auszusetzen.
Die Gefahrenbewertung ergab eine Bedrohung für Mannschaft, Gerät und Umwelt aufgrund der angegebenen Wirkungen (Ätzend!). Mögliche Rückfragen bei Versender und Empfänger der GSG konnten tageszeitlich bedingt erst in den Morgenstunden erfolgen, da unter den verzeichneten und von der TUIS Auskunft Stufe 1 erhaltenen Kontaktdaten um diese Tages(Nacht-)zeit niemand zu erreichen war. Aufgrund der Ladepapiere ähnlichen Dokumente wurde weiterhin Kontakt zum im TUIS des VCI (Verband der chemischen Industrie) angeschlossenen NRC (National Response Center) der BASF (Badische Annelin und Soda Fabrik) gehalten, um nähere Details zu den Stoffen zu erhalten und weitere vorbereitende Maßnahmen neben der bereits erfolgten Absperrung, Sicherstellung des Brandschutzes und strikten Einsatzstellenhygiene ergreifen zu können. Chemieschutzträger der Feuerwehren Pegnitz, Speichersdorf, Trockau und Weidenberg wurden alarmiert, ebenso die Unterstützungsgruppe Örtliche Einsatzleitung (UG-ÖEL) mit dem ELW II aus Heinersreuth und dem Fachberater Gefahrgut Kreisbrandmeister Ralf Riedel mit seinem Team. Aus der Stadt Bayreuth wurde die Dekon-Gruppe des Gefahrstoffzuges zur Unterstützung alarmiert. Kleinere Ortsfeuerwehren aus der näheren Umgebung wurden herangezogen, um die Absperrmaßnahmen großräumig durchzuführen. Nachdem die Einsatzleitung vor Ort endlich nähere Informationen zur Ladung hatte konnte mit der Bergung begonnen werden.
In akribischer Arbeit wurde schließlich das Gefahrgut von dem jeweils zeitlich befristet eingesetzten Trupp - er durfte maximal 20 Minuten im Einsatz bleiben - in Spezialcontainer und Gitterboxen verladen und per Kran auf bereitstehende LKWs eines Entsorgungsunternehmens verladen. Da der Einsatz sehr personal- und materialintensiv war, führten 18 CSA-Träger aus den o.g. Feuerwehren im Wechsel die Bergung des Gefahrgutes unter höchstem körperlichen Einsatz durch. Aufgrund der mehrfachen Nutzung der Anzüge war ein hoher Bedarf an PA-Trägern nötig.
In den Mittagsstunden des 13.09.2005 konnte schliesslich Entwarnung gegeben werden. Alle Fässer waren erfolgreich geborgen und umgeladen, die weiteren Aufräumarbeiten konnten nun durch das bereits frühzeitig verständigte und vor Ort befindliche Bergungsunternehmen durchgeführt werden. Glücklicherweise stellte sich am Ende der Maßnahmen heraus, dass ediglich ca. 1 Liter des stark ätzenden Stoffes ausgelaufen war und in das Erdreich eingedrungen war. Der LKW hingegen hatte rund 1 Tonne Gefahrgut geladen! Insgesamt waren über die Einsatzzeit verteilt rund 150 ehrenamtliche Helfer im Einsatz.

Die ersten CSA-Träger werden mit einem geländefähigen Unimog des THW Pegnitz an die Einsatzstelle gebracht - rund 300 Meter entfernt wurde das "logistische Zentrum" ausserhalb des Sperrbereiches errichtet. Über aufgeweichte Felder war ein Zubringen von Mensch und Gerät durch beispielsweise ein Mehrzweckfahrzeug der Feuerwehr nicht möglich.

Versorgungszelt des BRK, SEG Pegnitz; aufgrund des außergewöhnlichen Einsatzaufwandes und - dauer verpflegte das BRK die rund 150 Helfer an der Einsatzstelle mit Getränken und warmen Snacks.

Dusche der anderen Art: die DEKON-Gruppe stellte ihr Equipment, um die CSA-Träger und Einsatzmaterial nach dem Einsatz fachgerecht zu dekonatminieren.

Das "corpus delicti": bereits eine Stunde nach Mitternacht war es zu dem schweren LKW-Unfall mit Gefahrgut gekommen. Bis in die Nachmittagsstunden des 13.09. dauerte der Einsatz. Die Bergung der hochgiftigen, ätzenden und entzündlichen Stoffe übernahmen 16 CSA-Träger aus dem Landkreis Bayreuth im Wechsel. Ein Kran eines Bergungsunternehmens hob die Spezialcontainer mit dem darin befindlichen Gefahrgut in die bereitstehenden LKWs eines Spezialentsorgungsunternehmens.

Die freiwillige Feuerwehr Markt Weidenberg hatte ein Zelt mitgebracht, um ihre CSA-Träger und Gerätschaft auf mustergültige Weise einsetzen zu können.

Vorbereitung auf den CSA-Einsatz: während einige Kollegen ihren Einsatz bereits beendet hatten, bereiten sich hier weitere Kräfte auf den Einsatz vor.

Siehe hierzu auch Bericht der Feuerwehr Markt Weidenberg, die News des Nordbayerischen Kuriers Bayreuth, der online Berichterstattung von Radio Mainwelle und des Polizeipräsidiums Oberfranken.

Bild und Text: Carolin Rausch, FB ÖA in der Kreisbrandinspektion Bayreuth

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